Fühlen

Was genau vermisst Du?

(Gastbeitrag zur Blogparade des Totenhemd-Blogs)

 

“Das Lachen und die Wärme, die Gastfreundschaft, die Freude und Ausgelassenheit, das Feiern ganz egal wann oder wo. Ich vermisse die bunten Farben, die Blumen, das Obst und die Spontanität. Mir fehlt das Gefühl von Leidenschaft.”

Ich glaube das war meine Antwort, als mich vor ein paar Wochen ein Freund fragte: „Was genau vermisst Du an Mexiko?“

Ich genoss unser Gespräch, weil es tiefer ging als sonst. Üblicherweise hört es auf mit meiner Antwort, dass ich es vermisse. Normalerweise ist es der Moment, in dem ich merke, dass die meisten Menschen nicht wissen, was sie antworten sollen. Denn, was können sie schon daran ändern? Was sollen sie dazu sagen, dass es mir fehlt? Außerdem gibt es Wichtigeres!

Im letzten Gespräch war es anders: Ich schwelgte in den schönen Erinnerungen. Ich konnte es auf einmal wieder spüren. Es kam die Wärme, wo eben noch das leere Vermissen war.

 

Bevor ich weiterschreibe möchte ich mich dafür bedanken, dass ich bereits zum vierten Mal am Tag der Toten, am Dia de los Muertos etwas zu dieser wunderbaren Blogparade des Totenhemd-Blogs beitragen darf.

Jedes Jahr denke ich, dass ich alles gesagt habe, was ich zum Tod sagen kann, aber es geht weiter. Vielleicht wie das wahre Leben und der wahre Tod.
Und wie jedes Jahr wird es ein Beitrag, der mir schon beim Schreiben nahe geht.

 

Es ist ein Jahr her

Vor einem Jahr habe ich mich verabschiedet. Die Zeit war vorbei. Ich wusste nicht genau, was danach kommt. Heute, ein Jahr später weiß ich gewiss, was nach dem Abschied kommt: Es ist das Vermissen.

Nachdem die Einladung für die Blogparade kam stellte ich mir die Frage: Ist Vermissen gleich Vermissen? Oder gibt es Unterschiede? Gibt es Unterschiede im Vermissen je nachdem wen oder was man vermisst? Oder ist das Gefühl an sich das selbe?

Was?! Natürlich gibt es Unterschiede! Man kann doch den Verlust eines geliebten Menschen nicht mit dem Abschied aus einem Land vergleichen – egal wie sehr man es in sein Herz geschlossen hat! Kauf Dir ein Flugticket, fahre hin und das Problem ist gelöst. Außerdem ist ein Land kein Mensch! Einen verstorbenen Menschen kann man nicht besuchen oder zurückholen.

Ja, das ist richtig. Trotzdem glaube ich, dass das Gefühl “Vermissen” immer ein und das selbe ist, egal wen oder was man vermisst. Der Unterschied ist die Intensität.

Je mehr Du geliebt hast, umso stärker ist es. Je mehr Du geliebt hast, umso mehr vermisst Du.

 

Ich möchte meinen Abschied aus Mexiko keinesfalls mit dem Verlust eines Menschen vergleichen. Aber ich möchte jedem, der diesen Artikel liest die Frage stellen, die mir vor ein paar Wochen gestellt wurde:

 

Was genau vermisst Du?

Gerade weil ich bei meiner Antwort nicht über einen Menschen gesprochen habe, sondern “nur” über ein Land, habe ich die Frage anders beantwortet. Anstatt auf Erlebnisse zu schauen, die schön waren und damit sofort den Verlust und Schmerz zu spüren, habe ich über das Positive nachgedacht. Meine Erinnerungen waren Gefühle.

 

Mein Herz hat sich erinnert, nicht mein Kopf.

Es war kein Strudel nach unten in tiefere Trauer – in das schmerzliche Vermissen. Es war wie ein positiver und warmer Rückenwind – hinein in schöne Gefühle. Ich stellte mir die Frage was genau ich an den verstorbenen Menschen vermisse, die mir sehr nahe waren und noch immer sind. Und das was ich spüre bringt mich zum Lächeln. Es ist wie Wärme von innen heraus. Ich spüre das gemeinsame Lachen mit meiner Freundin, die letztes Jahr sehr schnell und unerwartet an Krebs starb. Ihre Antriebskraft, ihre Kreativität und ihren Enthusiasmus. Ich spüre die Geborgenheit und die unendliche Liebe meines Opas, der bereits vor sechzehn Jahren verstorben ist. Ja, ich vermisse ihn noch immer und daran wird sich mein Leben lang nichts ändern. Doch anstatt mit den Tränen zu kämpfen, wie sonst, spüre ich auf einmal so viel Gutes und Positives in mir.

 

Es tut so gut, sich mit dem Herzen zu erinnern. Das Erinnern mit dem Kopf lässt mich schnell weinen und Trauer spüren. Das Herz erinnert anders. Es ist belebend, fast magisch.

 

Heute ist der Dia de los Muertos, der Tag der Toten. In Mexiko wird ein großes Fest gefeiert – ein großes warmes und herzliches Fest. Vielleicht wurde der Tag der Toten deshalb zu einem so warmen und schönen Fest, weil die Mexikaner mit dem Herzen vermissen und die positiven Gefühle an diesem Tag wieder aufleben lassen. Auch ich feiere heute mit meiner Familie. Ich möchte heute lachens, Geborgenheit und Liebe erleben. Ich glaube, damit ehren wir die Toten wirklich, über die Fülle und Wärme des Vermissens, nicht über die kalte, dunkle und schmerzhafte Trauer.

Die Frage – was vermisst Du wirklich – hat mir gezeigt, dass Vermissen mehr ist als Schmerz. Es gibt auch die warme und schöne Seite. Du trägst sie ebenfalls in Dir – sie schlägt in Deiner linken Brust.

 

 

9 Comments Add New Comment

  1. Liebe Katja,
    wie schön! Ich verstehe dich so gut und das, was du da in Mexico erlebt hast am 1. November das ist unvergleichlich! Das ist ein Schatz! Ich fände es großartig, wir könnten das auch machen: heut den Picknickkorb packen, zum Friedhof laufen, uns an die Gräber setzen, singen, musizieren, tanzen … tun wir es in Gedanken … ich zünde jetzt eine Kerze an.

    Hab herzlichen Dank. Ich wünsche dir einen schönen TAg.
    Petra

  2. es berührt mich zu tiefst … ich habe nach vier Jahren Trauer um meinen Mann und Sohn endlich die Kopftrauer abgelegt … doch Tränen und Freude stehen sich dicht an dicht gegenüber … das Herz lacht und erinnert mich an die warmherzige Erlösung dunkler Tage
    … ich frage nicht mehr nach dem *warum* das Vermissen einer geliebten Person stärkt und belebt meine einst blutende Seele
    Danke für den erinnerungwürdigen Beitrag …
    freudige Gedanken an die Verstorbenen transformieren Licht zu den Seelen ins Totenreich

    liebe Grüße …. von zuzaly

    1. Liebe Zuzaly,
      danke für Deine berührende Antwort. Ich freue mich sehr, dass Dich diese Zeilen so berührt haben. Ich war mir nicht sicher, ob ich es schreiben kann, denn jedem Trauernden gilt mein größter Respekt.
      Wie schön, dass Dein Herz lachen konnte und Du die schönen Gefühle und Erinnerungen spüren konntest.
      Herzliche Grüße an Dich.

  3. Liebe Katja,

    was für ein schöner, lebensfroher und sinniger Beitrag… Erinnern mit dem Herzen, statt mit dem Kopf… Seufz… So schööön…
    Danke!!!

    LG Anja

    … auweia, ich muss mir ja auch ganz bald was einfallen lassen ;0)

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